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Royal Botanic Garden Edinburgh – eine grüne Zeitreise durch 350 Jahre Geschichte

Sep 11
7 min read

Wer Edinburgh besucht, denkt vielleicht zuerst an Castle, Royal Mile und Holyrood Palace. Doch nur wenige Minuten vom Stadtzentrum entfernt liegt ein Ort, an dem man eine ganz andere Seite der schottischen Hauptstadt entdecken kann: der Royal Botanic Garden Edinburgh, von den Einheimischen liebevoll „the Botanics“ genannt.


Und dieser Garten ist weit mehr als eine Ansammlung schöner Pflanzen. Er erzählt eine Geschichte, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht, beherbergt historische Gebäude, viktorianische Glashäuser, Kunst und Ausstellungen und ist bis heute ein bedeutendes Zentrum für botanische Forschung und Naturschutz.


Das Beste daran: Der Eintritt in den Garten selbst ist kostenlos.



Von einem kleinen Arzneigarten zum weltberühmten Botanischen Garten


Die Geschichte beginnt bereits 1670. Damals wurde der Botanische Garten in der Nähe von Holyrood Abbey als sogenannter Physic Garden gegründet. Sein ursprünglicher Zweck war vor allem medizinischer Natur: Pflanzen sollten angebaut und erforscht werden, die für die Medizin von Bedeutung waren.


Der Garten wechselte im Laufe seiner Geschichte mehrmals seinen Standort. 1763 zog er nach Leith Walk, doch auch dort wurde der Platz irgendwann zu knapp. Anfang des 19. Jahrhunderts begann deshalb der Umzug nach Inverleith.


Seit etwa 1820 befindet sich der Botanische Garten an seinem heutigen Standort.


Heute ist er eine der bedeutendsten botanischen Einrichtungen der Welt – mit riesigen wissenschaftlichen Sammlungen, einem Herbarium mit rund drei Millionen Pflanzenbelegen und einer Bibliothek mit mehr als einer Million Objekten.


Man spaziert hier also nicht einfach durch einen Park. Unter den Bäumen und zwischen den Beeten steckt ein Stück Wissenschaftsgeschichte.


Ein Herrenhaus mitten im Botanischen Garten


Eines der auffälligsten Gebäude ist Inverleith House.


Das elegante georgianische Herrenhaus wurde 1774 für Sir James Rocheid als Mittelpunkt seines Inverleith-Anwesens errichtet. Als ein Teil des Anwesens später für den Botanischen Garten erworben wurde, blieb das Haus zunächst bestehen.


1877 wurde Inverleith House zusammen mit dem umliegenden Land der Krone übergeben. Nach Restaurierungsarbeiten wurde es sogar zum offiziellen Wohnsitz des Regius Keeper, also des Direktors des Botanischen Gartens.


Doch damit war seine Geschichte noch lange nicht beendet.


Von 1960 bis 1984 beherbergte das Gebäude die neu gegründete Scottish National Gallery of Modern Art. Heute wird Inverleith House wieder vom Botanischen Garten genutzt und dient als Ausstellungsort.


So treffen hier georgianische Architektur, Gartenkunst und zeitgenössische Kunst aufeinander.



Die berühmten Palm Houses


Ein absolutes Highlight der Botanics sind die historischen Palm Houses.


Das älteste der beiden Gebäude stammt aus 1834. Es wurde errichtet, um exotische Pflanzen zu beherbergen, die im schottischen Klima natürlich niemals überleben würden.


Schon wenige Jahrzehnte später war das Gebäude allerdings zu klein geworden. Die Pflanzen wuchsen regelrecht aus dem Haus heraus. Deshalb entstand 1858 das größere Temperate Palm House.


Mit seiner beeindruckenden Eisen-Glas-Konstruktion und der hohen Kuppel gehört es zu den großen viktorianischen Glashausbauten Schottlands.


Und hier wird es besonders spannend: Die Palm Houses werden derzeit im Rahmen des großen Projekts „Edinburgh Biomes“ umfassend restauriert.


Nach fünf Jahren Restaurierungsarbeiten sollen sie am 2. Oktober 2026 wieder für Besucher öffnen.


Mehr als 5.000 Glasscheiben wurden dafür nach speziellen Vorlagen angefertigt, während rund 600 Quadratmeter der historischen Eisenkonstruktion restauriert wurden. Ziel ist nicht nur, die historische Architektur zu bewahren, sondern die Gebäude gleichzeitig fit für die Zukunft und für die Auswirkungen des Klimawandels zu machen.


Die Wiedereröffnung ist deshalb weit mehr als eine normale Renovierung – sie ist ein ziemlich spektakuläres neues Kapitel in der Geschichte der Botanics.



Ein kleines Gebäude mit einer unglaublichen Geschichte


Eines meiner Lieblingsdetails im Botanischen Garten ist allerdings ein viel kleineres Gebäude: das Botanic Cottage.


Es wurde bereits 1764/65 am damaligen Standort des Botanischen Gartens an der Leith Walk errichtet. Entworfen wurde es von John Adam und James Craig.


Das Cottage war gleichzeitig Eingang zum Garten, Wohnhaus des leitenden Gärtners und Unterrichtsraum. Während der Zeit der schottischen Aufklärung wurden hier Medizinstudenten in Botanik unterrichtet.


Nachdem der Botanische Garten nach Inverleith umgezogen war, wurde das Gebäude anderweitig genutzt und geriet schließlich in einen sehr schlechten Zustand. Es stand leer und wurde sogar durch einen Brand beschädigt.


Doch damit endete seine Geschichte nicht.


Durch eine engagierte Gemeinschaftsinitiative konnte das Cottage gerettet werden. Es wurde tatsächlich Stein für Stein quer durch Edinburgh transportiert und im Botanischen Garten wieder aufgebaut.


Heute ist es ein Zentrum für Gemeinschafts- und Bildungsangebote.


Ein kleines Haus – aber eine ziemlich große Geschichte.



Noch mehr als Palmen und Blumen


Wer durch die Botanics spaziert, sollte sich Zeit nehmen. Der Garten ist in unterschiedliche Bereiche gegliedert und zeigt Pflanzen aus den verschiedensten Regionen der Welt.


Besonders bekannt sind unter anderem der Rock Garden, der ursprünglich unter Isaac Bayley Balfour Ende des 19. Jahrhunderts angelegt wurde, sowie der Queen Mother’s Memorial Garden.


Dazu kommen Arboretum, Gewächshäuser, saisonale Pflanzungen und zahlreiche besondere Bäume.


Und dann gibt es noch Dinge, die man leicht übersieht.


Zum Beispiel einen riesigen Pflanzenfossil-Stamm, der 1830 im Craigleith Quarry gefunden wurde. Das Fossil ist etwa 10,5 Meter lang und rund 320 bis 340 Millionen Jahre alt.


Plötzlich wird aus einem Spaziergang durch einen Garten eine kleine Reise durch die Erdgeschichte.



Kunst, Ausstellungen und Wissenschaft


Die Botanics sind außerdem ein Ort für Kunst und Kultur.


Vor allem Inverleith House wird für Ausstellungen genutzt. Dort waren im Laufe der Jahre unter anderem Werke international bekannter Künstler wie Andy Warhol und Louise Bourgeois zu sehen.


Gleichzeitig ist der Botanische Garten ein aktives Forschungszentrum. Die wissenschaftlichen Sammlungen werden für die Erforschung von Pflanzen, Pilzen, Biodiversität und Naturschutz genutzt.


Das macht den Garten so interessant: Hier geht es nicht nur darum, Pflanzen anzuschauen. Es geht darum, sie zu verstehen – und darum, wie wir sie für die Zukunft bewahren können.





Der John Hope Gateway – moderne Architektur mitten im Grünen


Am westlichen Eingang befindet sich das John Hope Gateway.


Das moderne Besucherzentrum wurde 2010 eröffnet und ist nach John Hope benannt, einem der bedeutendsten Leiter des Botanischen Gartens.


Hier findet man Ausstellungen und Informationen über die Arbeit der Botanics, Veranstaltungsräume und natürlich auch Möglichkeiten, sich bei einem Kaffee oder Essen hinzusetzen.


Der Bau selbst bildet einen interessanten Kontrast zu den historischen Gebäuden des Gartens.


Georgianisches Herrenhaus, viktorianische Glashäuser und moderne Architektur – alles liegt hier nur wenige Schritte voneinander entfernt.


Und ja – auch für eine Pause ist gesorgt


Nach einem ausgedehnten Spaziergang darf natürlich eine Pause nicht fehlen.


Im John Hope Gateway befindet sich das Gateway Café, das saisonale Gerichte anbietet und dabei auch Zutaten aus dem eigenen Kitchen Garden verwendet.


Dazu kommen das Garden View Deck & Bar sowie das Terrace Café. Am Eingang an der Inverleith Row gibt es außerdem ein weiteres Café mit Kaffee und Gebäck.


Gerade nach einer Runde durch den Garten ist es schön, nicht sofort wieder zurück in den Trubel der Innenstadt zu müssen, sondern noch ein wenig sitzen zu bleiben und den Blick ins Grüne zu genießen.


Ein kleiner Shop für Pflanzenfans – und für alle, die ein besonderes Edinburgh-Souvenir suchen


Und natürlich gibt es auch einen Shop.


Im Botanics Shop findet man nicht nur die üblichen Souvenirs, sondern viele Dinge, die thematisch tatsächlich zum Garten passen: Bücher, botanisch inspirierte Produkte, Geschenke und Dinge für Gartenliebhaber.


Wer also ein Souvenir aus Edinburgh sucht, das nicht unbedingt „I ❤️ Edinburgh“ schreit, wird hier wahrscheinlich eher fündig.


Warum ich die Botanics so mag


Was den Royal Botanic Garden für mich so besonders macht, ist diese Mischung.


Man kann hier einfach spazieren gehen und die Ruhe genießen. Man kann sich für die Pflanzen interessieren. Man kann Architektur entdecken, historische Geschichten verfolgen oder eine Ausstellung besuchen.


Und gleichzeitig befindet man sich mitten in einer Institution, die seit mehr als 350 Jahren Pflanzen erforscht und sammelt und heute eine wichtige Rolle beim Schutz der weltweiten Biodiversität spielt.


Die Botanics sind deshalb kein klassischer „Sehenswürdigkeiten-Abhakpunkt“.


Sie sind ein Ort, an dem man wunderbar ein paar Stunden verbringen kann – und bei jedem Besuch etwas Neues entdeckt.


Und wenn die historischen Palm Houses im Oktober 2026 wieder ihre Türen öffnen, gibt es sogar einen besonders guten Grund, diesen außergewöhnlichen Ort noch einmal neu zu entdecken.



Und dieser historischer Fakt hat mich am meisten fasziniert:


Ein Umzug, der Edinburgh in Staunen versetzte


Wenn man heute durch den Royal Botanic Garden in Inverleith spaziert, ist kaum vorstellbar, dass dieser Garten ursprünglich ganz woanders lag.


Der Botanische Garten wurde 1670 nahe Holyrood Abbey gegründet. Doch wie so oft in der Geschichte der Botanics wurde der Platz irgendwann zu klein. 1675 zog der Garten deshalb bereits zum zweiten Mal um – auf ein Gelände bei Trinity Hospital, ungefähr dort, wo sich heute der östliche Teil des Bahnhofs Waverley befindet.


1763 folgte der nächste Umzug: Die Botanics zogen nach Leith Walk. Dort konnten sie sich weiterentwickeln, doch auch dieser Standort wurde mit der Zeit zu klein.


Anfang des 19. Jahrhunderts stand deshalb eine gewaltige Aufgabe bevor: Der gesamte Garten sollte ein weiteres Mal umziehen – diesmal nach Inverleith.


Und genau hier kommt William McNab ins Spiel.


Der Mann, der Bäume durch Edinburgh transportierte


William McNab war seit 1810 der leitende Gärtner der Botanics. Er war nicht nur ein hervorragender Gärtner, sondern auch ein ausgesprochen erfinderischer Kopf.


Denn die eigentliche Herausforderung waren nicht die kleinen Pflanzen.


Es waren die großen, ausgewachsenen Bäume.


Wie transportiert man einen ausgewachsenen Baum durch Edinburgh, ohne ihn dabei umzubringen?


McNab entwickelte dafür eine spezielle Baum-Transportmaschine. Damit konnten selbst große Gehölze ausgegraben, aufgeladen und zum neuen Standort gebracht werden.


Der Umzug begann 1820 und dauerte mehrere Jahre. Die gesamte Sammlung musste von Leith Walk nach Inverleith gebracht werden – und McNab gelang dabei etwas, das für die damalige Zeit geradezu spektakulär war: Ein Großteil der Pflanzen und sogar zahlreiche ausgewachsene Bäume überlebten den Umzug.


Die Stadtbevölkerung bekam dabei offenbar ein ungewöhnliches Schauspiel geboten. Große Bäume wurden mit Menschen und Pferden durch die Straßen Edinburghs gezogen. Die zeitgenössische Beschreibung berichtet von einer regelrechten Prozession aus Männern, Pferden und über die Straßen ragenden Ästen.


Man kann sich heute nur schwer vorstellen, wie surreal dieser Anblick gewesen sein muss.


Ein ausgewachsener Baum, der langsam durch die Straßen einer Stadt gezogen wird – und das nicht für einen Film, sondern weil Edinburgh gerade seinen Botanischen Garten verlegte.


Einer der ältesten Bewohner der Botanics


Und tatsächlich gibt es im heutigen Botanischen Garten noch einen lebenden Zeugen dieses historischen Umzugs.


Die Sabal-Palme wurde 1822 von Leith Walk nach Inverleith gebracht. Sie gehört heute zu den ältesten Pflanzen in der Sammlung der Botanics und erinnert damit noch immer an McNabs spektakuläre Leistung.


Die Palme war allerdings nicht das einzige Problem. Die Pflanzen mussten nicht nur transportiert, sondern am neuen Standort auch wieder eingepflanzt und gepflegt werden.


Der gesamte Umzug dauerte etwa drei Jahre.


Damit wurde Inverleith zum neuen Zuhause des Botanischen Gartens – und bildete die Grundlage für seine spätere Entwicklung zu einer der bedeutendsten botanischen Einrichtungen der Welt. (Royal Botanic Garden Edinburgh)


Und dann kam James McNab


Die Geschichte der Familie McNab endet damit allerdings nicht.


William McNabs Sohn James McNab trat ebenfalls in die Fußstapfen seines Vaters. Schon als Junge arbeitete er als Gärtner in den Botanics. Später wurde er selbst Head Gardener und hinterließ seine Spuren in der Gestaltung des Gartens.


Besonders eng ist sein Name mit dem berühmten Rock Garden verbunden.


James McNab kehrte 1849 zu den Botanics zurück und erlebte eine Phase gewaltiger Veränderungen. Der Garten wurde immer größer und erhielt zusätzliche Flächen. Beim Bau des Rock Garden nutzte McNab sogar Steine, die nach dem Abriss einer Mauer übrig geblieben waren.


So steckt selbst in diesem heute so selbstverständlich wirkenden Teil der Botanics ein Stück Familiengeschichte.


Zwei Generationen der Familie McNab haben damit die Botanics geprägt – William durch seinen spektakulären Umzug nach Inverleith, James durch die spätere Entwicklung und Gestaltung des Gartens.




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